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Projekt: Praxisstudie zum Verhalten von Bewohnern
des Altenheim St. Franziskus Kolbermoor

Projekt: Praxisstudie zum Verhalten von Bewohnern

Anerkennung im Rahmen des Bayerischen Demenzpreises 2020

Im November 2018 wurde im Caritas-Altenheim St. Franziskus in Kolbermoor das Projekt „Herausforderndes Verhalten von Bewohnern mit extremen Verhaltensauffälligkeiten im Altenheim“ gestartet. Dabei begleiten eine Gerontologin und eine gerontopsychiatrische Pflegefachkraft gemeinsam mit beteiligten Pflege-Auszubildenden insgesamt zwölf von Demenz betroffene Bewohnerinnen und Bewohner mit individuell auffälligen Verhaltensweisen und damit einhergehenden Problemlagen. Die zwei Mitarbeiterinnen wurden eigens für dieses Projekt freigestellt und können so Menschen mit Demenz oder mit psychischen Erkrankungen und damit einhergehenden Phasen der Unruhe und Aggressivität besonders intensiv betreuen.

Das Projekt wurde 2018 von der Geschäftsleitung Altenheime im Caritasverband München und Freising e.V. initiiert, da im Altenheim St. Franziskus eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Bewohnern und Bewohnerinnen mit herausforderndem Verhalten lebt.

Fachlich erhoben wurde der Handlungsbedarf durch zwei begleitende qualitative und quantitative Befragungen sowie Interviews mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aller Berufsgruppen (Pflege, Hauswirtschaft, Soziale Begleitung, Verwaltung), mit Bewohnern und Bewohnerinnen und deren Angehörigen sowie der Leitung der Einrichtung.

In einer ersten Erhebung im Oktober 2018 wurden die Belastungen der Mitarbeitenden im Umgang mit den Bewohner und Bewohnerinnen erfasst, die Rahmenbedingungen vor Ort analysiert (z.B. Räumlichkeiten, zeitlicher und der personelle Aufwand für diese Bewohnergruppe) und Vorschläge von Mitarbeitenden und Führungskräften im Umgang mit den Bewohnern und Bewohnerinnen, sowie deren Verhalten aufgenommen (n = 103 Befragte). Ergebnisse waren zahlreiche Handlungsvorschläge. Auf dieser Grundlage wurde ein eigenes Betreuungskonzept für die betroffenen Bewohner und Bewohnerinnen entwickelt.

 

Zentrale Maßnahmen sind:

  • Es erfolgt eine engmaschige und situationsbezogene Betreuung der zugeordneten Bewohner und Bewohnerinnen.
  • Beide Fachkräfte sind mit ihrer kompletten Arbeitszeit für das Projekt freigestellt und übernehmen keine Regeldienste im Tagesablauf.
  • Für jeden Bewohner und jede Bewohnerin wird über mindestens vier Wochen ein ausführliches Assessment zur Erfassung der Bedürfnisse durchgeführt und Maßnahmen bei herausforderndem Verhalten vereinbart (z.B. Validation, Massagen zur Beruhigung)
  • Im Rahmen von bewohnerbezogenen Fallbesprechungen mit allen Berufsgruppen (Pflege, Hauswirtschaft, Soziale Begleitung) werden die durchgeführten Maßnahmen evaluiert, bei Erfolg verbindlich festgehalten und in Teambesprechungen kommuniziert.
  • Die Transparenz ermöglicht ein angewandtes Praxislernen für alle beteiligten Berufsgruppen.
  • Es gab themenbezogene Schulungen der Mitarbeitenden.
  • Die Kommunikation in einem multiprofessionellen Team wurde verbessert.
  • Behandelnde Ärztinnen und Ärzte wie auch Therapeuten und Therapeutinnen werden eingebunden.
  • Der Rahmen der Einzelbetreuung (z.B. drei Stunden in der Woche) wird festgelegt und von den zwei Fachkräften wahrgenommen.
  • Es steht ein neu geschaffener Aktivierungsraum mit Materialien zur sozialen Begleitung zur Verfügung.

 

In der zweiten Erhebung 2020 wurden die Wirkung des neuen Betreuungskonzeptes evaluiert. Dies mit folgenden Ergebnissen:
 

  • Es gibt deutliche Hinweise dafür, dass sich das Wohlbefinden der beteiligten Bewohner und Bewohnerinnen erkennbar verbessert hat, so die Wahrnehmung von allen Berufsgruppen.
  • Es gibt deutlich mehr Ruhe und weniger Konflikte auf dem Wohnbereich – angegeben als signifikante Verbesserung von Mitarbeitenden aller Berufsgruppen, von anderen Bewohnern und Bewohnerinnen und von Angehörigen.
  • Mitarbeitende aller vier Berufsgruppen (insbesondere die Soziale Begleitung) spüren eine Entlastung in ihrem Arbeitsbereich.
  • Die Schulungen/Fallbesprechungen unterstützen alle Berufsgruppen in ihrer Arbeit.
  • Die Anzahl der Alarme des Desorientiertensystems ist signifikant gesunken. (Dieses System verhindert das unkontrollierte Entfernen einer Bewohnerin, eines Bewohners mit Hinlauftendenz aus der Einrichtung bzw. aus dem Gartenbereich.)
  • Die Anzahl der Krankenhauseinweisungen der beteiligten Bewohnerinnen und Bewohner hat sich insgesamt verringert.
  • Bei einzelnen Bewohnern und Bewohnerinnen konnte festgestellt werden, dass sich der Bedarf an Psychopharmaka oder Neuroleptika verringert hat.  


Aufgrund der für die Bewohnerinnen und Bewohner als auch hinsichtlich der Mitarbeitenden erfreulichen Ergebnisse werden die Maßnahmen verstetigt.

Diese zeigen, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse von Bewohnern und Bewohnerinnen mit herausforderndem Verhalten sehr gut durch individuelle Begleitung und Betreuung erfüllt werden können. Die freigestellten Fachkräfte erkennen aufgrund ihrer Qualifikation und der engen Betreuung der Betroffenen recht schnell den Bedarf des einzelnen Menschen. Sie können den erforderlichen zeitlichen Einsatz selbst steuern und bewohnerorientiert reagieren. Auf das herausfordernde Verhalten (Schreien, Umherlaufen, Enthemmung usw.) kann zeitnah und zielgenau eingegangen werden.

Menschen mit Demenz oder mit psychischen Erkrankungen finden schneller (zum Teil mit weniger Medikamenteneinsatz) wieder zur Ruhe, bekommen kontinuierlich Aufmerksamkeit und Fürsorge, sind dadurch zufriedener und fühlen sich besser aufgehoben. Das enge Vertrauensverhältnis zur Bewohnerin und zum Bewohner löst viele Spannungen, minimiert Auslöser, unterstützt den Bewohner und die Bewohnerin psychisch, z.B. mit der eigenen Hilflosigkeit umzugehen.

Das entwickelte Konzept ist mittlerweile ein fester Bestandteil innerhalb der Sozialen Begleitung im Caritas Altenheim St. Franziskus. Es erhielt am 30. Juni 2021 von Herrn Staatsminister Holetschek eine Anerkennung im Rahmen des Bayerischen Demenzpreises 2020.


Caritas Altenheim St. Franziskus, Kolbermoor
Juli 2021

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Pressemeldung Bayerischer Demenzpreis 2020
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